18.09.13

Chinesische Firmen sichern deutsche Arbeitsplätze


 

Deutschland entwickelt sich zu einem der wichtigsten Länder für chinesische Direktinvestitionen. Nach Berechnungen des Forschungsinstituts Prognos AG werden Unternehmen aus dem Reich der Mitte bis 2020 voraussichtlich 2,1 Mrd. USD investieren – mehr als dreimal so viel wie noch 2012. Im Gegensatz zu Investoren aus westlichen Industrieländern stoßen chinesische Firmen hierzulande allerdings auf Bedenken, die oftmals nicht gerechtfertigt sind.

Loewe: Rettung aus China?

Der jüngste Einstieg eines chinesischen Investors ist erst wenige Tage alt. Der kriselnde TV-Geräte-Hersteller Loewe vereinbarte eine strategische Partnerschaft mit Hisense International, einem weltweit führenden Anbieter von Flachbildschirm-TV-Geräten. Die Traditionsfirma aus Kronach musste Mitte Juli Gläubigerschutz beantragen, um seine Sanierung voranzubringen. Kostensenkungen und der Abbau jeder fünften Stelle sind geplant. Die Partnerschaft mit Hisense sei „ein zentraler Meilenstein in der weiteren Restrukturierung“, sagt Vorstandschef Matthias Harsch. Mit den Chinesen will Loewe künftig bei Einkauf, Produktion, Entwicklung und Vertrieb kooperieren. Dadurch kann Loewe auch günstigere Fernseher anbieten. Bisher kosten sie zwischen 1.000 und 5.000 EUR. Zudem bekommt Loewe dauerhaft Zugang zu neuester Technologie und dem Absatzmarkt China. Hisense erhofft sich von der Partnerschaft mehr Geschäft in Westeuropa, vor allem in den deutschsprachigen Märkten und den Beneluxländern. Zuerst übernehmen die Franken für die Chinesen den Vertrieb zur Einführung neuer Ultra-HD-Technologie im Testmarkt Österreich. Zudem könnte Hisense Zugang zu der von Loewe entwickelten TV-Software bekommen.

Deutschland bei chinesischen Investoren beliebt

Im März 2013 übernahm die chinesische Beteiligungsgesellschaft SGSB Group den Industrienähmaschinen-Hersteller Pfaff. Konkurrent Dürkopp Adler ist bereits seit 2005 in der Hand von SGSB (siehe Interview auf Seite 42). Kiekert, Erfinder der Zentralverriegelung und Spezialist für Autoschlösser, gehört seit März 2012 dem staatlichen chinesischen Industriekonzern North Lingyun Industrial aus Peking. Diese Beispiele zeigen, dass immer mehr chinesische Firmen strategische Beteiligungen in Deutschland suchen. Noch ist die Bedeutung chinesischer Investitionen für Deutschland im Vergleich zu Geldgebern aus den USA oder England gering. Sie dürfte allerdings in den nächsten Jahren stark wachen. Laut einer Prognose des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos AG werden die jährlich aus China nach Deutschland fließenden Direktinvestitionen von etwa 500 Mio. USD 2011 auf den vierfachen Wert von 2,1 Mrd. USD im Jahr 2020 steigen. Deutschland liegt in der Gunst der chinesischen Investoren deutlich vor anderen Ländern der Europäischen Union. Nach einer Umfrage der Europäischen Handelskammer von Januar 2013 gaben 62% der befragten 74 chinesischen Unternehmen an, bereits in Deutschland investiert zu haben.

Dieses Interesse ist nicht einseitig. Durch die globale Finanzmarktkrise sind viele mittelständische Unternehmen in Deutschland in eine Schieflage geraten. „Wenn Bankkredite nur schwierig zu bekommen sind und die Alternative ein US-amerikanischer Hedgefonds wäre, wird oft eine Beteiligung durch einen chinesischen Investor gewählt“, erläutert Dr. Margot Schüller vom GIGA Institut für Asien-Studien. „Meistens handelt es sich dabei um einen langjährigen Kunden, der das Unternehmen kennt und keine Ambitionen hat, sich am Management zu beteiligen.“

Beteiligungen sollen Wertschöpfung verbessern

Auch bei einer Übernahme wird ein Investor vorgezogen, der am Fortbestand des Unternehmens interessiert ist und Arbeitsplatz-Garantien für die Beschäftigten bietet. „In der Vergangenheit haben Chinesen oft insolvente oder insolvenzbedrohte deutsche Firmen übernommen und den Arbeitnehmern in vielen Fällen bedrohte Jobs erhalten“, sagt Cora Francisca Jungbluth, Project Manager Programme Germany and Asia, bei der Bertelsmann Stiftung (siehe Interview). Viele neue Jobs entstehen außerdem durch chinesische Unternehmen, die sich nicht an deutschen Gesellschaften beteiligen, sondern eigene Tochterfirmen gegründet haben. Ein Beispiel hierfür ist der Telekommunikations-Zulieferer Huawei, der an deutschen Standorten über 1.600 Mitarbeiter beschäftigt und die Deutsche Telekom sowie Vodafone beliefert.

In der Gunst der Investoren aus Fernost steht Deutschland oben, weil der hiesige Mittelstand das bietet, was die Chinesen suchen. In den 1990er-Jahren dominierten noch Investitionen, die der Markterschließung dienten oder sie begleiteten. Beispiele hierfür sind die großen chinesischen Schifffahrtsgesellschaften wie Cosco und China Shipping sowie viele chinesische Handelsunternehmen. Später folgten Experimente mit Beteiligungen und Übernahmen bekannter deutscher Markenfirmen wie Goldpfeil und Junghans, die allerdings scheiterten. „In den letzten Jahren konzentrieren sich die großen M&A-Transaktionen auf vier Branchen: Maschinenbau, Automobilindustrie, Informationstechnologien und Chemie“, erläutert Schüller. Dabei handelt es sich oftmals um Übernahmen von Unternehmen, die in ihrer Nische Weltmarktführer sind. Dank dieser strategischen Investments können chinesische Unternehmen ihre Wertschöpfung verbessern. Einen solchen Hierarchiesprung erzielte zum Beispiel der chinesische Maschinenbauer Weichai Power durch seinen Einstieg beim Wiesbadener Gabelstaplerhersteller Kion.

Arbeitnehmer befürchten Abbau von Arbeitsplätzen

Chinesische Beteiligungen bieten jedoch auch deutschen Mittelständlern viele Vorteile. „Bei den meisten Beteiligungen und Übernahmen ist bisher die Regel, dass das bisherige Management weitgehend erhalten bleibt“, sagt Schüller. „Die Kontrolle bezieht sich vor allem auf die wirtschaftliche Performanz und finanzielle Stabilität. „Da die langfristige Erhaltung des Unternehmens das Ziel ist, können notwendige, meist zeitaufwendige Umstrukturierungen gemeinsam durchgeführt werden“, so Schüller. Manchmal besitzen das deutsche und chinesische Unternehmen sogar komplementäre Produktionsstrukturen, die die gegenseitige Markterschließung fördern und den Absatz der aufgekauften Firma ausweiten.

Trotz dieser Vorteile: In der Öffentlichkeit sind Vorbehalte gegen chinesische Investoren weitverbreitet. Das lokale Management fürchtet den Abfluss von Know-how nach China, heimische Arbeitnehmer haben Angst um ihre Jobs, da ihre fernöstlichen Kollegen zu niedrigeren Löhnen arbeiten. Dass solche Vorurteile häufig unbegründet sind, zeigt auch eine Studie der Bertelsmann Stiftung über chinesische Direktinvestitionen in Deutschland. „Die weitverbreitete Skepsis gegenüber chinesischen Investoren ist nicht angebracht“, betont Jungbluth. „Solche Direktinvestitionen wirken sich positiv auf die industrielle Wertschöpfung in Deutschland aus.“ Die Kapitalgeber aus China würden zudem in vielen Fällen bedrohte Jobs erhalten und auch neue Arbeitsplätze schaffen. Zwar ist die Zahl der mit chinesischem Geld entstandenen Stellen derzeit noch gering. „Aber die bisher erfolgten Übernahmen zeigen, dass die Chinesen das Ziel verfolgen, die deutschen Standorte der aufgekauften Unternehmen zu erhalten“, sagt Jungbluth. So hat zum Beispiel Sany bei seiner Übernahme des Betonpumpenherstellers Putzmeister durch die Gründung einer deutschen Tochterfirma 30 neue Stellen geschaffen.

Managern fehlt internationale Erfahrung

Allerdings kann es auch Nachteile geben, wenn Unternehmen aus dem Reich der Mitte deutsche Firmen übernehmen. „Chinesische Investoren haben oftmals wenig internationale Management-Erfahrung. Auch unterscheiden sich die Management-Stile in Deutschland und China deutlich voneinander. Damit ist die Integration des aufgekauften deutschen Unternehmens schwierig“, erläutert Schüller. Hinzu komme, dass die Regulierung in China und Deutschland, also zum Beispiel Unternehmens- und Arbeitsrecht, sehr unterschiedlich ist. „Die Vermittlung dieser unterschiedlichen Welten ist die schwierigste Aufgabe für beide Seiten“, meint Schüller. Negative Erfahrungen gab es auch in der Vergangenheit mit chinesischen Investoren, die deutsche Traditionsunternehmen aufkauften, die Produktion jedoch aus Kostengründen komplett nach China verlagerten und in Deutschland nur noch den Vertrieb unter dem Markennamen laufen ließen.

Worin unterscheiden sich chinesische Investoren von Geldgebern aus anderen Ländern – zum Beispiel England oder den USA? „Solchen Investoren geht es nicht darum, von einem Unternehmensaufkauf zu lernen oder fehlende Technologien zu akquirieren“, erläutert Schüller. „Viele dieser Investoren sind technologisch ebenfalls hoch entwickelt, wollen aber durch Zukäufe Marktsegmente ergänzen oder ihre Marktposition ausweiten.“ Deren Management hat eine größere internationale Erfahrung und will das aufgekaufte Unternehmen schnell integrieren. Häufig wird das deutsche Management abgelöst oder reduziert und frei werdende Mitarbeiter entlassen. „Ziel ist eine Effizienzsteigerung und Verbesserung der Ertragssituation des Mutterkonzerns“, so Schüller.    

Investoren informieren die Öffentlichkeit nicht

Die Chinesen dagegen wollen sich langfristig binden. Bisher richten sich ihre Übernahmen an kleine und mittlere Unternehmen. Finanzinvestoren, die ihre deutschen Beteiligungen verkaufen wollen, gehen derzeit sogar vor Ort auf Investorensuche. Denn für Private-Equity-Firmen ist ein solcher Verkauf oftmals lukrativer als ein unsicherer Börsengang, da die Chinesen hohe Preise zahlen. Könnten daher sogar DAX-Konzerne in ihr Visier geraten? Dies wird zwar derzeit für wenig realistisch gehalten, nach Meinung von Experten suchen jedoch chinesische Investoren auch sehr große Unternehmen in Europa.

Bei den bisherigen chinesisch-deutschen Transaktionen war Putzmeister ein Ausnahmefall für geschickte PR-Arbeit. Investor Sany konnte die Bedenken der Belegschaft auszuräumen, indem er eine Garantie für den deutschen Standort und die Arbeitsplätze bis 2020 aussprach. Vertrauen schaffte Sany-Eigner Wengen Liang zudem damit, dass er in der Öffentlichkeit die überlegene Technologie der Schwaben und das hohe Ansehen ihrer Produkte eindringlich lobte. Der Normalfall ist ein solches Vorgehen noch nicht. Denn chinesische Investoren informieren die Öffentlichkeit zumeist nicht über ihre Ziele und Pläne bei Übernahmen. Das liegt nicht nur daran, dass eine solche Unternehmenskommunikation in China unüblich ist. Vielen chinesischen Managern fehlt auch einfach das Verständnis für die westlichen Medienlandschaften. Ob künftige Investments positiver beurteilt werden, dürfte deshalb vor allem daran gemessen werden, ob chinesische Investoren ihre Zusagen einhalten werden. Wie sich deren Aktivitäten entwickeln, wird man jedoch erst in einigen Jahren beurteilen können.

Fazit

Strategische Investoren aus China sind vor allem eine Chance für deutsche mittelständische Unternehmen. Häufig kann so die Profitabilität verbessert und heimische Arbeitsplätze erhalten werden. Allerdings haben solche Beteiligungen auch Nachteile: Vielen chinesischen Managern fehlt die internationale Erfahrung, die deutsche Öffentlichkeit wird zu wenig informiert und die Wettbewerbsbedingungen für deutsche und chinesische Firmen sind ungleich. Damit chinesische Investitionen zum Erfolgsmodell werden, ist auch die Politik gefordert, gemeinsame Regelungen zu erreichen.


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